CORONA-BLUES – AUSWIRKUNGEN AUF KREATIVITÄT UND KUNST

(Beitragsbild: Manfred Heitzer)

Corona Blues“

Die Auswirkungen von Corona und Lockdown auf Kreativität und Kunst

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mein Aufruf an die Künstler*innen, mir zu schreiben, wie sich Corona und die damit einhergehenden Maßnahmen auf ihre Kreativität und ihre Kunst auswirken, solch eine große Resonanz auslösen würde. Meinen ganz großen Dank an alle Künstler*innen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben und so offen von sich erzählt haben. Das hat mich sehr berührt.  So hatte ich dann also erstmal viele Emails zu lesen und auszuwerten. Die Idee hierzu, kam mir übrigens spontan nach unserer Zoom-Online-Vernissage im Rahmen der ersten virtuellen Ausstellung von crossart international. Sich zu sehen, miteinander zu reden, und sei es auch nur mittels zoom, war, so jedenfalls mein Eindruck, sehr wichtig für die Künstler*innen. Beim Austausch untereinander ging es viel darum, wie man es als Künstler*in in dieser schwierigen Zeit schafft, sichtbar und präsent zu bleiben. Es besteht also offensichtlich, und das berechtigter- und verständlicherweise, ein großes Bedürfnis, sich mitzuteilen und auszutauschen.

Ja, was macht denn nun Corona und der Lockdown genau mit den Künstler*innen? Wie wirkt sich die    Krise auf die Kreativität und die Kunst aus?

Hauptberuflich freischaffende Künstler*innen, ohne einen wenigstens die Basics finanzierenden Nebenjob, sind natürlich mehr betroffen von der Krise als ein Künstler/eine Künstlerin mit einem festen nebenberuflichen Einkommen. In diesem Zusammenhang berichtet der Künstler A. als hauptberuflich freischaffender Künstler mit Produzentengalerie, dass er trotz großen Engagements, sich letzten Endes doch dazu entschliessen musste, seine Galerie aufzugeben. Hier tritt auch eine große Enttäuschung über die Gesellschaft und die Politik zu Tage, über die fehlende Solidarität mit der Kunst- und Kulturbranche. Kunst und Kultur ist scheinbar nicht systemrelevant und wird als Kollateralschaden hingenommen. Dabei wäre doch gerade in dieser Zeit Kunst und Kultur für die Menschen so wichtig als Nahrung für die Seele. Einige wenige Künstler*innen konnten sich über ein NRW-Stipendium freuen, das wenigstens ein bisschen Raum für Kreativität eröffnete. Dennoch wabert aber auch hier noch die Besorgnis im Unterbewußtsein weiter herum, das Stipendium eventuell, aus welchem Grund auch immer, doch noch wieder zurückzahlen zu müssen.

Foto: Sven Teuber / Titel: Zum 100. mal heute in der Stadt

Eines haben aber alle Künstler*innen gemeinsam: es fehlen die realen Ausstellungsmöglichkeiten; die Kunst will schließlich gezeigt und präsentiert werden, und das nicht nur im Internet! Klar können wir uns heutzutage alles im Internet anschauen, was ja zur Überbrückung auch eine gute Alternative darstellt. Dennoch, ist es nicht etwas ganz anderes, direkt, sagen wir vor einem Bild zu stehen und die Aussagekraft und die Wirkung, die es möglicherweise auf einen ausübt, zu spüren? Ist es nicht genau das, was gerade so sehr fehlt: das Spüren und das Berührtsein von Kunstwerken, welches nur direkt und unmittelbar mit allen Sinnen erfahrbar ist, wenn man leibhaftig vor dem Kunstwerk steht? Die weggebrochenen Ausstellungsmöglichkeiten und der Austausch mit anderen Künstler*innen und Kunstinteressierten fehlt allen Künstler*innen gleichermaßen und ist ein wichtiger zentraler Punkt.

Corona Blues

Was die Künstlerin Lene Enghusen den „corona blues“ nennt, beschreiben viele Künstler*innen in den vielfältigsten Weisen. Fast alle Künstler*innen geben an, dass sie mit Beginn des ersten Lockdowns zunächst wie gelähmt und blockiert waren. Einige Künstler*innen sprechen sogar von einem mentalem Lockdown, von Schockzustand und von Frustration. Vielen fehlte einfach jegliche Motivation, ins Atelier zu gehen und Kunst zu machen. „Das Leben fühlt sich im Moment an, wie im Vakuum“ schreibt die Künstlerin Renate Berghaus. Dem kann ich mich nur anschließen, das stimmt mit meinen persönlichen Erfahrungen überein. Pandemie, Lockdown, Ausgangssperre – nie hätte ich gedacht, so etwas einmal zu erleben. Mein System musste das alles erstmal so halbwegs begreifen, sortieren und damit klar kommen. An Schreiben war da überhaupt nicht zu denken, über was auch? Über ausgefallene Ausstellungen? Da war nur noch Leere und Sprachlosigkeit in mir. Es wollten einfach keine Worte aufs Papier fliessen – nichts zu machen. „corona blues“ als Kreativ-Killer, als Kreativ-Lockdown. Fazit: bei der überwiegenden Mehrheit der Künstler*innen hat die Kreativität also ersteinmal stark gelitten und mehr oder weniger bei vielen eine Schaffenskrise ausgelöst.

Karin Mühlwitz

Künstlerin: Karin Mühlwitz

Kreativ-Schub und Produktivitätssteigerung

Nach dem anfänglichen Lockdown-Knockout haben sich die Lähmung und die Blockaden bei fast allen Künstler*innen dann allmählich doch wieder aufgelöst und nicht selten trat das genaue Gegenteil ein: es kam bei vielen zu einem enormen kreativen Schub. Der Zeitfaktor ist hier der meist genannte Punkt. Freigewordene, ja gewonnene Zeit. Viele nutzten und nutzen jetzt die zusätzliche Zeit, um diese in ihrem Atelier zu verbringen, was zu einer enormen Produktivität führte, wodurch es bei einigen Künstler*innen sogar schon zu Materialengpässen gekommen ist. Für viele Künstler*innen ist es aber auch die Zeit, Neues auszuprobieren, zu experimentieren, sich endlich mit den Ideen zu beschäftigen und umzusetzen, die schon lange im Kopf ihre Kreise ziehen. Kunst kann aber auch Kontemplation sein, die erdet und ablenkt, wie z.B. für den Künstler Oliver Christoph Dürr. Auch einige andere Künstler*innen berichten, dass ihre Kunst für sie ein Ventil darstellt, ein gutes Mittel, die Krise zu verarbeiten und das Leben zu meistern.

Oliver Christoph Dürr

Künstler: Oliver Christoph Dürr

Tiefgründigere Kunst und Kunst-Aufweck-Aktionen

Schauen wir uns nun die Auswirkungen auf die Kunst selbst an, also zum Beispiel auf die Motive. Die Künstlerin Nada Vitz ist mit ihrem Block bewaffnet in die Natur gezogen, hat die Gegend erkundet, in der sie lebt und hat diese mit Stift und Farbe eingefangen. Sie spricht von einer intensiven und erfüllenden Kreativität. Sie beschreibt es so: “…mein Strich, meine Farbwahl, das Motiv und mein Ich verändert sich ..“

Nada Vitz

Künstlerin: Nada Vitz

Bei vielen Künstler*innen hat die Krise Einfluß auf die Kunst selbst genommen, sei es nun in der Entwicklung neuer Stile und Techniken oder hinsichtlich der Motive. Die Beschäftigung mit der Krise brachte zum Beispiel eine Künstlerin dazu, nun Upcycling-Kunst zu kreieren. Der Künstler Ralf Buchholz erklärt: „Meine Kunst ist tiefgründiger geworden“. Intensiv mit dem Thema Corona beschäftigt hat sich auch der Künstler Sven Teuber, was ihn dazu inspirierte Corona-Plakate zu erstellen. Dies führte ihn schließlich dazu, sich eingehend mit dem Thema Tod und einem bewußteren Leben zu beschäftigen.

Für die Künstlerin Michaela Rübenach hingegen war es eine Herzensangelegenheit, Kunstaktionen umzusetzen, insbesondere auch für Themen, die durch Corona in den Hintergrund gerückt sind, z.B. ihre „Kunst-Aufweck-Aktion“ zugunsten von DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei). Ihrem Aufruf, Banderolen für Konservendosen zu kreieren sind unglaublich viele Schauspieler*innen, Autor*innen, Musiker*innen und Sportler*innen nachgekommen.  Das finde ich eine wichtige und wunderbare Idee! So viele Themen, wie andere Krankheiten (ich denke hier an Krebs), politische Entwicklungen und Entscheidungen (z.B. die im Rahmen von Corona mögliche stillschweigende Abschaffung des Bargeldes) oder als dringlichster und wichtigster Punkt: der kaum noch abzuwendende Klimawandel dürfen trotz Corona nicht vergessen werden!

„Kunst-Aufweck-Aktion“ von der Künstlerin Michaela Rübenach

Andere Künstler, die sich schon immer mit sozialpolitischen und gesellschaftskritischen Themen in ihrer Kunst befasst haben, wie z.B die Künstler Jochen Höwel oder Peter Mück, führen dies noch eindrücklicher und intensiver fort. Der Künstler Peter Mück spricht gar von seiner kreativsten Zeit, die ihn zu zahlreichen Motiven inspiriert und gleichzeitig nochmal für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert hat.


Künstler: Peter Mück

Der letzte Sommer brachte dann zwar eine kurze und leichte Entspannung in der Krise, in der auch wieder Ausstellungen und Vernissagen möglich waren, aber aufgrund der organisatorisch doch sehr aufwändig umzusetzenden Corona-Hygiene-Regeln, war der Genuss und die Freude doch etwas eingeschränkt und gedämpft.

Hat Kunst eine Aufgabe?

Zwischenzeitlich befinden wir uns nun bereits im zweiten Lockdown, der gefühlt schon ewig andauert, unsere Geduld strapaziert und ein Ende noch nicht wirklich in Sicht ist. Wir leben in einer psychisch sehr herausfordernden Zeit. Doch enthält diese Krise nicht auch das Potential für ein bewußteres Leben? Ist nicht gerade in solch schwierigen Zeiten Kunst und Kultur besonders wichtig? Brauchen die Menschen nicht gerade jetzt Kunst und Kultur so dringend, genauso wie die Künstler*innen selbst als Nahrung für die Seele, als Trost, als Hoffnung, als Inspiration, als Freudenspender, als Narrativ und nicht zuletzt auch als Katalysator? Und hat Kunst und Kultur darüber hinaus nicht auch den Anspruch, ja vielleicht sogar die Pflicht, auf soziale-, politische und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und aufzurütteln, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten oder wenigstens zum Nachdenken anzuregen?

Künstler: Peter Fischenich

Wie sieht die Zukunft aus?

Gerade heute habe ich in einer Zeitung den Satz gelesen: „Jede Krise hat ein Ablaufdatum…..“ – ich hoffe sehr, dass wir das Ablaufdatum in dieser Krise bald erreicht haben werden und neue Wege für die Präsentation der vielfältigen, großenartigen Kunstwerke, die während der Krise entstanden sind, finden werden, wie beispielsweise durch Bespielung des öffentlichen Raumes. Kreative und innovative Ideen sind gefragt. Ich bin überzeugt, dass die Sehnsucht der Menschen nach Kunst und Kultur groß ist und die Angebote von Ausstellungen und Vernissagen, in welcher Art und Weise auch immer diese zukünftig wieder möglich sein werden, vom Publikum gut angenommen werden.

Köln, Februar 2021

Hinweis: neben Blog-Beiträgen, schreibe ich auch Künstlerporträts. Wer gerne ein Künstlerporträt haben möchte, kann sich per Mail an mich wenden. Diesen Service biete ich auf Spendenbasis an.

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1 Kommentar

  1. Hallo Angela,
    Ein sehr gut differenzierender Beitrag, der auch gut einzelne Phasen beschreibt.
    Es beschreibt auch schön dass aus der größten Krise ein intensiveres selbst herauskommen kann, – wenn man dran bleibt.
    Außerdem zeigt so eine Krise was einem wirklich wichtig ist. Sie wirft einen auf das Wesentliche zurück.
    Womit die einmalige Chance besteht gesellschaftlich aufgestülpten Ballast zu erkennen und sich da durchzukämpfen.
    .Mir fehlt in dem Beitrag einzig die AUSDRÜCKLICHE FORDERUNG nach dem öffentlichen Raum.
    Grüße, Rolf

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